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[Tagebuch] Preußens Gloria
Köngliche Terminkalender & Anmerkungen
#1
16. Juni 2013 / Vormittag
Besuch vom kranken aber auf dem Weg der Besserung befindlichen Carl Ludwig


16. Juni 2013 / Mittag
Gespräch mit Valentin
zwecks seines kleinen Zusammenstoßes in der vorigen Nacht mit Christina


17. Juni 2013 / Vormittag
Besuch der Kunstaktion "Wir sind hier" gegen die Raben


18. Juni 2013 / Vormittag
Aufeinandertreffen mit Christina von Holstein-Estridsson
im Garten von Schloss Hof


18. Juni 2013 / Nachmittag
Gespräch mit Finnick Brynjar von Norwegen
über mögliche Entwicklung von Handelsbeziehungen mit Fernziel eines Bündnisses


18. Juni 2013 / Abend
Gespräch mit Aleksandr Vasyanov von der Ukraine
über Erweiterungen der Zusammenarbeit


19. Juni 2013
Teilnahme an der Konferenz deutschsprachiger Staaten


20. Juni 2013 / Vormittag (beendet)
Ungeplantes Aufeinandertreffen mit Milena Bathóry
beim Besuch des Haus des Meeres



20. Juni 2013 / Nachmittag
Treffen mit Johann vom Vogtland
zwecks Unterredung über den Versuch eines möglichen Handels


23. Juni 2013 / Morgen-Vormittag
Frühstück mit Henry von Wales
semi-privates und semi-offizielles Gespräch,
das allerdings eher dem Austausch als diplomatischen Zielen dienen soll


23. Juni 2013 / Nachmittag
Treffen mit Alexander von Great Virginia
Zweck: (zensiert)


24. Juni / Mittag
Informelles Treffen mit Vesa aus der Slowakei
Zweck: (zensiert)


25. Juni / Abend
Treffen mit Leonhard von Cilli aus Illyrien
zwecks Gesprächen zu Handelsabkommen bzw. -beziehungen
Antworten
#2
"Blut und Mühe" - Januar 2013, irgendwo an einem Strand Rügens


Blut. Der Geschmack von Blut im eigenen Mund. Oder eher der Geschmack von Eisen? Schmeckte Eisen eigentlich wie Blut oder Blut wie Eisen? Welcher Ausdruck war gebräuchlicher? Und wie kam ein gesunder Menschenverstand auf den Geschmack von Eisen?

All diese Fragen gingen Carola durch den Kopf während sie den Strand entlangjoggte. Ohne Musik. Nicht hier. Musik war etwas für Städte oder Orte, an denen man allein sein wollte von der Umwelt. Dafür war dieser Strand mit seiner Küste aber zu schön und das Wellenrauschen zu harmonisch und wohltuend, um es mit dem Gekläffe von Musik zu übertönen. Musik, die dafür gemacht war jedes andere Geräusch aus der Welt zu tilgen und sich in den Vordergrund zu drängen wie ein Prinz in einem Nobelclub. Dafür ratterten ihr beim Joggen dann stattdessen immer absurde Fragen durch den Kopf. Solche wie die nach dem Geschmack von Blut und Eisen. Oder wie die korrekte Rechtschreibung der Hexe Baba Yaga eigentlich war. Babajaga? Baba Yaga? Babayaga? Carola sah ihrem Verstand dabei zu wie er sich zu beschäftigen versuchte. Noch immer war sie auf 180 geschaltet, hochgradig fokussiert. Unter Stress. Sie wollte wieder runterkommen. Langsamer werden. Wellenrauschen half dabei ungemein. Und auch ungemein dabei, die zwei Leibwächter hinter ihr zu ignorieren. Sie joggten mit und würden Carola vermutlich sogar noch überholen, wenn sie die beiden vorher einmal durch die Ostsee nach Dänemark geschickt hätte. So fit waren die beiden. Und über deren Fitness dachte Carola jetzt auch wieder nach. Wieso beobachtete sie sich eigentlich mittlerweile selbst beim Denken? War das ein weiteres Anzeichen von Stress? Und war es nicht ein Anzeichen von Kunst und Kultur, wenn man sich beim Zusehen zusah? Waren Museen nicht genau darauf ausgelegt?

Da waren Geräusche von Wellen. Und der Geschmack von Blut. Auf ihrer Haut fühlte Carola Wasser. Aber kein Salzwasser. Es regnete. Nicht in Strömen aber auch nicht wenig. In wenigen Minuten würde sie durchgeweicht sein bis auf die Knochen. Wassertropfen auf der Haut, die ihren Schweiß wegwuschen. Nur schwitzte man bei diesen Temperaturen nicht wirklich sondern zog sich lediglich die Mütze tiefer ins Gesicht um sich dann über die vom Schweiß verklebten Haare zu ärgern wenn man zuhause war. Zuhause. Als ob das ein Ort wäre, an dem man jemals wirklich ankommen würde. Die meisten Menschen hielten einen Ort für ein Zuhause. Carola wusste es mittlerweile besser. Niemand kämpfte für ein Land oder einen Ort. Man kämpfte für Menschen, die man liebte. Das war ein Zuhause. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wen sie ein Zuhause nennen konnte. Das schmerzte mehr als kalte Regentropfen auf den Wangen. Regentropfen, die kleine Stiche setzten. Vielleicht grübelte Carola manchmal wirklich zu viel. Manchmal ... vielleicht hätte sie auch Party machen sollen wie andere Prinzen und Prinzessinnen. Sie beneidete sie alle um ihre Sorglosigkeit. Um den Luxus, einfach loslassen zu können. Carola hatte diese Erfahrungen einmal alle auch schon gemacht - sie war 17 gewesen. Und 21 beim zweiten Mal. Es hatte sich nicht nach ihr angefühlt. Es hatte sich nach gar nichts angefühlt. Sie fühlte sich an Kartentischen und beim Jogging an Sandstränden wohler als auf jeder Party. Natürlich wusste Carola, was man über sie sagte. Sie wäre steif und überdiszipliniert. Bisweilen kalt und viel zu ehrgeizig. Unzugänglich. Und dabei kam sie eigentlich gut mit dem Volk, den Bürgerlichen klar. Sogar mit den Menschen, die weniger hatten. "Der harte Boden erschafft mehr Helden als es eine Medaille je könnte", hatte sie mal von ihrem Vater gehört. Ein schöner Satz. Sie würde jederzeit einer Person helfen, die am Boden lag. Das war in das Selbstverständnis der preußischen Monarchin so eingeschrieben. Es war eine Pflicht, den Schwachen zu helfen wenn man einer der Starken war. Das sahen nicht alle Regenten so. Natürlich nicht. Aber sie schon. Macht war kein Recht. Es war eine Pflicht. Eine Verpflichtung, besser zu sein. Besser als das gestrige Ich. Wer war man schon, wenn man die Welt nicht etwas besser machen wollte?

Hören, Fühlen, Schmecken ... der Geruch von Algen drang in die Nase der Monarchin. Im Winter wurden Algenbänke angeschwemmt die vor sich hinrotten konnten. Im Sommer war der Gestank deutlich schlimmer. Für jemanden der nicht von der Ostseeküste stammte, konnte der Geruch unerträglich sein. Für sie war er in Ordnung. Heute lagen hier nur ein paar Algen herum, deren Anwesenheit man auch lediglich mit einem verfügbaren Nasenloch hätte bestätigen können. Das hier war so ein unangenehmer Ort, dass er schon wieder angenehm war. Der Regen peitschte ins Gesicht, es war kalt und der Sand machte das Laufen mühsam. Aber es war ein besserer Ort als machtlos in einer Konzerthalle sitzen und einem Orchester lauschen zu müssen. Hier konnte sie sich wenigstens bewegen. Stillsitzen war Carola schon immer schwergefallen. Der Gedanke, dass nur Geduld und Starre etwas bewegen konnten - ein Gedanke, den sie als absurd empfand. Nur wer sich bewegte, fiel nicht um. Nur wer sich bewegte, kam vorwärts. Kaviarhäppchen waren sicher eine feine Sache aber Genuss? War das hier Genuss? Für etwas mehr Ausdauer die Kilometer zählen? Ein Muskel wurde besser, indem er zerstört wurde. Der Körper beobachtete die Zerstörung und baute den Muskel neu auf. Stärker. Besser. So funktionierte Training - Zerstörung und Wiederaufbau. Das war das Prinzip der Natur: Neues ersetzte das Alte. Besseres ersetzte das nutzlos gewordene. Muskelkater hatte damit nichts zu tun aber es war ein schöner Gedanke, dass Schmerz ein Symptom von Wiederaufbau war. Die neuen Zellen eilten den alten zur Hilfe. Zumindest, wenn es um Training ging. Zerstörung. Wiederaufbau. Einen Fuß vor den anderen. Immer wieder. Bis man am Ziel war.

Sie hielt an. Hinter ihr stoppten ebenfalls zwei Fußpaare.

Das Keuchen übertönte die Wellen. Das Blut überzog jeden anderen möglichen Geschmack. Der Regen prasselte gegen ihre linke Gesichtshälfte. Bis eben war er noch von vorne gekommen. Rottige Algen lagen zwischen der Dunkelhaarigen und dem von Wellen nassen Sand. Sie sah aufs Meer hinaus. Kalte Luft strömte durch ihre Lungen und schmerzte sanft. Es war nicht mehr viel Wegstrecke vor ihnen. Trotzdem wollte sie eine kurze Pause machen. Ging gleich weiter.
"Majestät, alles in Ordnung bei Ihnen?", hörte sie nur während sie gen Dänemark sah.
"Alles gut.", keuchte die Angesprochene nur ohne zurückzusehen. Noch drei Sekunden ... zwei ... eine. Ohne auch nur einen weiteren klaren Gedanken zu fassen wandte sich Carola wieder nach Westen und setzte ihren Lauf fort. Und irgendwann spürte sie auch den Regen nicht mehr denn ihre Wangen waren warm und ihr Blick getrübt von Tränen.

Der Boden erschuf Helden. Nicht die Medaille.

Niemals zurücksehen.
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